Die Grundaspekte des Stils Bharata Natyam

Der Tanz ist ein Ergebnis der ganz natürlichen Bedürfnisse.
Er entstand, denn er ist der Schöpfer der Schönheit.
Da alle Leute den Tanz mögen,
lobpreist man ihn, denn er bringt Segen.
Bharata Muni


Einer der wichtigsten Aspekte der x-beliebigen klassischen Tanzstils Indiens, außerdem der x-beliebigen uralten Kunst, ist das Wohlbringen. Das ähnelt der Bedeutsamkeit des Asklepiadenschwurs für einen Arzt oder des Gelübdes für einen Priester. Und das soll auch eine der wichtigsten und stärksten Charaktereigenschaften des Tänzers oder der Tänzerin werden. Genau DAVON „spricht“ die erste Handlung des Tänzers/der Tänzerin (Pranam), der/die sein/ihr Training oder seine/ihre Aufführung auf der Bühne anfängt. Nur der, der einen tiefen Sinn jeder Bewegung seines Armes zuschreibt und alles grundsätzlich bedenkt, kann die tiefsten Grundaspekte des Tanzes begreifen. Nur dem wird das zu Teil, was man nicht allein durch das Streben nach dem Äusseren erreichen kann.

Der klassische Tanz benutzt den Körper als Mittel oder Instrument, dank welchem der Geist eine Möglichkeit bekommt, zu schaffen. Aber der Geist und der Körper unterliegen bestimmten Regeln. Im uralten Traktat „Natyashastra“ beschrieb der Autor Bharata detailliert sowohl Qualität und Struktur der Bühne, als auch nötige Eigenschaften des Darstellers selbst. Jede Position des Körpers soll richtig und der Geometrie nach präzise sein, und jeder Gedanke, den der Verstand erzeugt, einen bestimmten Sinn enthalten. Denn das, was dadurch entsteht, beeinflusst den Tänzer und schafft die herrschende Atmosphäre.

Eine der Wiederspiegelungen der Gedanken des Tänzers ist sein Gesicht – ein Teil des Aspekts „Abhinaya“. Auf Sanskrit bedeutet es „Mimik, Theaterstück“. Das ist alles, was wir mit Hilfe unserer Hände (Hastas), Gesichtsausdrücke (Emotionen), Schminke, Kleidung, Dekorationen und unserer eigenen inneren Bestrebungen schaffen. Jemand sagte, dass Abhinaya die Gefühle des Tanzes wiederspiegelt, bis dahin ist Sinnlichkeit rein psychologisch. Die indische Tanzkunst ermöglicht die Annahme des reinen Tanzes ohne irgendwelche zusätzliche Erklärungen.

Der klassische Tanz Indiens verfügt über eine einzigartige Kunst der Bewegungen. Wie eine Schlange, die sich plastisch, flüssig bewegt, aber sich dabei auch wenn nur für eine Sekunde in einer bestimmten Position aufhält: keine ihrer Bewegung ist undeutlich oder abrupt, unabhängig von ihrem Charakter (schnell oder langsam). Als ob es ein Film sei: jedes Bild – eine Position, ein Übergang, der genau und richtig ist. Das ist auch eine Art des Yogas. Man gebraucht jeden Teil des Körpers, mindert die körperliche und mentale Spannung, aber nur in dem Fall, wenn jede ihrer Strukturen (mentale, psychologische und körperliche) richtig gestaltet ist. Der Tanz kann sowohl helfen, als auch schaden anrichten: das ist eine Praktik, die bestimmte Regeln und Gesetze hat, und der Praktikant soll genug Zeit und Mühe investieren, um sie zu beherrschen. Man diszipliniert den Geist. Dann durch die Kontrolle über den Geist diszipliniert man den Körper. Bharatanatyam, wie auch jede andere Form des Tanzes, benutzt den Körper des Menschen als Kommunikationsmittel für den Ausdruck seiner schöpferischen Natur. Das ist die beste Möglichkeit sich selbst als ein sakrales Instrument zu achten.

Ein besonderes Merkmal des indischen klassischen Tanzes sind Hastas, Mudras (Gestik). Durch sie entwickelt sich der Tanz. Das ist eine Art des Alphabets. Und der, der dieses Alphabet darstellt, kann Wörter und Sätze bauen, genau wie verschiedene Ideen und Emotionen frei und anschaulich ausdrücken. Mudras verhelfen den Sinn des Liedes oder des Themas mit Hilfe des Gesichtsausdrucks – Mukha Abhinaya – zu interpretieren, auf diese Weise, die ästhetische Schönheit des Tanzes zu perfektionieren. Richtig ausgewählte Gesten verbessern die Ausdruckskraft der Aufführung und beleben das Gespräch des Tanzes. Aber das ist nur das Äußere. Richtig ausgewählte und dargestellte Mudras beeinflussen die Energiestruktur des Menschens und der herrschenden Atmosphäre.

Man erlernt den Tanz stufenweise und richtet sich nach dem Prinzip „vom Leichten zum Komplizierten“, „vom Langsamen zum Schnellen“. Aus Leichtem besteht Kompliziertes und Kompliziertes führt zum Leichtem (wie ein Dreieck, das immer eine Spitze, einen Punkt hat). Das Langsame erzeugt das Schnelle, aber bleibt dann in statistischer Position stehen, wie ein Vogel, der sich beschleunigt und steigt, aber breitet dann seine Flügel aus und schwebt in diesen Bedingungen, die er selbst erreicht hat. Wenn der Tänzer das verstehen wird, wird er vor Überspannung geschützt sein und bestimmte Ziele deutlich setzen können.

Die psychologische Basis des klassischen Tanzes beruht auf Mythen und Legenden Indiens. Aber das ist keine bloße Darstellung irgendwelches Sujets, sondern eine eigentümliche Arbeit an seinem eigenen „Ich“, Steigerungen seines inneren Niveaus und Aufrechterhaltung der positiven Ausstrahlungen in der Umgebung. Wir kehren wieder zu der Regel Nummer 1 zurück, die am Anfang erwähnt wurde. Andernfalls ist die Darstellung nur ein Pathos und bringt nichts mehr, als nur Negatives. Dann geht es um niedrige Stufen des Verstandes, die dem Sturz und der Degradation beitragen.

Der klassische Tanz hat drei Grundkategorien. „Nritta“ – ein abstrakter Tanz, der aus Bewegungen und Postionen ohne dramatischen Inhalt besteht. „Nritya“ – ein Tanz, der mit Stimmung (Gefühlen) und psychologischer Zustand verbunden ist. Und „Natya“ – das, was ein Sujet hat. Das ist ein richtiges Theaterstück, das Nritta und Nritya beinhaltet.

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Der Beschützer des Tanzes – Shiva Nataraja – Mahadeva, symbolisiert die Tat des Schaffens, der Zerstörung und der Aufrechterhaltung. Die Linie des Feuers um die Figur symbolisiert das Universum. In einer rechten Hand hält Nataraja eine Trommel, die das rhythmische Wesen des Lebens symbolisiert. Die andere rechte Hand sieht mit der Handfläche nach vorne und bringt denen die Unterstützung, die Ihn anbeten. Die Schlangen, die seine Hände und Handgelenke umschlingen sprechen von Macht über Lebenskräfte. Der aufgehende Mond – die Fähigkeit mit seinen Gefühlen umzugehen. Eine der linken Hände hält das Feuer – das Symbol der Zerstörung, die andere weist auf den aufgehobenen Fuß, und zeugt dadurch den Sieg über sich selbst. Das rechte Bein, das auf dem Zwerg (Dämon des Böses) steht, spricht von der dunklen Unwissenheit der Menschen, und beleuchtet dadurch die Welt mit dem Licht des Wissens. Shiva Nataraja – das ist ein mystischer Tänzer, der Darsteller von Ananda Tandava (der Tanz des Genusses). Sein Körper ist reine Musik, die seine natürliche Anmut, Bewegung und Melodie in sich verkörpert. Das ist so unteilbar wie TANDAVA (Männliches) und LASYA (Weibliches).

Alles, was oben beschrieben wurde, ist jedem Stil des klassischen Tanzes Indiens typisch. Aber wodurch unterscheidet sich Bharatanatyam von anderen Stils? Es scheint irgendwann eine Einheit zu bilden. Aber durch die Entwicklung eines Aspekts trugen die Menschen der Erschaffung eines neuen Stils bei. Es ist trotzdem offensichtlich, dass Bharatanatyam allen Regeln und Gesetzen, die in solchen uralten Traktaten, wie „Natyashastra“ und „Abhinaya Darpana“ beschrieben sind, unterliegt, und äußerlich mehr linear und präzise ist.